Textprobe
 

Ein kleiner Auszug aus Anna träumt:

Am Freitagabend schien Sebastian vergessen zu haben, dass sie ausgehen wollten. Die Erkenntnis traf Anna urplötzlich geradezu hammerartig, als er um achtzehn Uhr offensichtlich immer noch kein Bedürfnis verspürte, die Frage zu erörtern, in welches Restaurant sie denn nun gehen wollten. Eine leise Enttäuschung hatte Anna schon am Abend vorher gespürt, als er nicht, wie erhofft, gleich etwas vorgeschlagen und einen Tisch reserviert hatte. Sie selbst hatte sich einfach nicht getraut, danach zu fragen. Sie befürchtete, dass Sebastian so etwas wie "Na, dann bestell doch irgendwo 'n Tisch" sagen würde. Aber genau das wollte sie absolut nicht hören. Diesmal nicht! Gewiss, er würde nie diese Art von 'Gentleman' sein, der zum Beispiel seiner Angebeteten Rosen kaufte, wenn die Verkäufer in den Lokalen herum gingen. Nein, er würde immer der Mann bleiben, der in diesem Fall – sozusagen mitten in ihren sehnsüchtigen Blick hinein – einen Vortrag über die Ausbeutung der Rosenverkäufer zum Besten gab. Aber ein kleines bisschen Illusion versuchte Anna sich trotzdem zu bewahren. Und eine "wo-willst-du-hin?"-Diskussion gehörte da jetzt einfach nicht hinein. Doch nun musste es sein. Sie hatten ja schließlich tatsächlich nichts vorbestellt. Und das am Freitagabend! Anna beschloss, mutig zu sein. Sie würde gleich von sich aus das Atlantik vorschlagen, bevor es womöglich wieder zu einem längeren unentschlossenen Ringen kam. Ja, das war teuer. Aber das sollte es auch sein. Sie wollte wirklich fein ausgehen. Sie begab sich in Sebastians Zimmer. Gut: Er guckte nur diese komische Schwammkopf-Sendung im Fernsehen an. Dabei konnte man jawohl mal stören.

"Sebastian, was ist denn nun?"

Keine Reaktion. Anna spürte, wie sich eine Art Druck in der Magengegend aufbaute.

"Sebastian!"

"Ja, was ist?"

"Was ist denn jetzt eigentlich? Heute Abend, meine ich."

"Heute ist Freitag, auch den ganzen Abend noch."

Der Druck wanderte zu ihrem Herzen hinauf und schien es zu umklammern. Zugleich züngelte rasende Wut in Anna hoch. Aber sie blieb äußerlich ruhig.

"Wir wollten doch Essen gehen."

Einen Augenblick hatte Anna Angst, dass Sebastian wieder nicht antworten würde. Er starrte gerade wieder konzentriert auf den Bildschirm und schien sie gar nicht mehr zu hören. Aber dann sagte er doch:

"Wo wolltest du denn hingehen?"

Das umklammerte Herz plumpste in die Magengrube.

"Was würdest du denn mögen?"

Verdammt, verdammt, verdammt! Hatte sie das eben wirklich gesagt? Sie hatte doch mutig sein wollen! Warum hatte sie schon wieder Angst, es ihm nicht Recht zu machen? Warum gab sie immer klein bei? Und Sebastians Antwort war denn auch absolut erwartungstreu:

"Ich nehme wohl mal an, mit McDonalds wärest du nicht einverstanden?"

Anna verspürte den Wunsch, unkontrolliert loszubrüllen. Gewiss, das war jetzt natürlich nur ein Scherz von ihm gewesen. Aber während sie hier scherzten, verging die Zeit, füllten sich die Restaurants und ... verflüchtigten sich ihre Träume. Ein Schmerz ungeahnten Ausmaßes ergriff von Anna Besitz. Und Hilflosigkeit, absolute Hilflosigkeit. Die Tränen mit Mühe zurückhaltend, wagte sie schließlich dann doch noch die Äußerung:

"Ich hatte eigentlich an etwas Besseres gedacht. Ich wollte doch schon immer mal ins Atlantik. Das weißt du doch."

"Ja, das machen wir dann zur Feier des Tages, wenn wir beide einen tollen neuen Job haben." - WUMM! So ganz beiläufig war er wieder einmal über ihre Träume hinweggetrampelt. Einfach so und ohne es überhaupt zu merken. Gerade als Anna glaubte, ersticken zu müssen vor unterdrückten Gefühlen, machte Sebastian dann doch noch einen ernsthaften Vorschlag:

"Das chinesische Buffet war doch eigentlich immer ganz gut."

Es handelte sich um ein schlichtes aber nicht unschmackhaftes kleines Buffet, das seit einiger Zeit auf einem Boot auf dem Kanal angeboten wurde. Sie gingen gelegentlich hin, wenn sie keine Lust zum Einkaufen und Kochen hatten. Mit Ausgehen hatte das für Anna nichts zu tun. Es war praktisch. Man konnte eben schnell in Hauskleidung oder doch zumindest in Jeans und T-Shirt hinlaufen und war schnell wieder zurück. Zum Verbleiben lud das einfache, pseudochinesische Ambiente sowieso nicht ein. Wie sollte, wie konnte sie darauf nur reagieren? Doch da ... oh: Ausnahmsweise schien Sebastian selbst zu spüren, dass seine Ideen nicht auf Gegenliebe stießen. Er machte von sich aus Vorschläge:

"Der Inder? Oder die neue Pizzeria da ... wie heißt die noch ... du weißt schon ..."

Anna gab auf. Immerhin sie würden miteinander sprechen. Nein, nicht bei dem Inder, der eine Mischung aus Imbisstuben- und schrill-bunter Bollywood-Atmosphäre aufwies. Wenigstens den wollte sie sich heute Abend wirklich nicht antun. Aber die Pizzeria mochte ja hingehen. Sie würden trotzdem einen schönen Abend haben! Und dann gab es ja danach immer noch die Möglichkeit, zu Hause die Kerzen und das Kaminfeuer anzumachen und einen schönen Wein zu öffnen. Als Anna sich eine Jeans mit einem etwas teureren T-Shirt und einem Blazer anzog, dachte sie mit wehmütiger Ironie daran, wie sie den ganzen Tag über ihren Auftritt für den heutigen Abend vom schicken Kleid über den Schmuck bis hin zum Parfum geplant hatte. Und als Sebastian in zerbeulter Hose und Sweatshirt vor ihr stand, schob sich kurz das Bild von einem schönen Mann in Schlips und Sakko davor. Aber sie sagte nichts. Für die Pizzeria brauchte man so etwas nicht.

Sie bekamen sogar einen ganz guten Tisch. Immerhin. Vielleicht würde ja doch noch alles gut werden. Hier konnte man sogar nach dem Essen beim gemütlichen Chianti noch ein wenig sitzenbleiben. Anna wurde so langsam wieder etwas zuversichtlicher. Na gut, das Essen war mittelmäßig. Aber der Wein war gut. Und Sebastian schien auch so langsam aufzutauen. Beim Essen erzählte er eine lange, langweilige Geschichte über einen Kollegen, der sich immer neue raffinierte Methoden erdachte, um "blauzumachen" und damit bisher auch immer durchgekommen war. Das Thema schien ihn irgendwie zu faszinieren. Anna versuchte zuzuhören. Doch als er anfing, sich darüber zu ereifern, dass dieser Kollege – ganz im Gegensatz zu ihm selbst – nicht entlassen worden war, entglitt ihr so langsam aber sicher der rote Faden. Sie hoffte nur noch, dass Sebastian sich nicht wieder zu sehr in seine Die-Welt-ist-ungerecht-Stimmung hineinsteigern würde. Dann endlich, als er hin und her überlegte, ob er noch ein Dessert wollte, sah sie ihre Chance:

"Sag mal, wie wollen wir das nun eigentlich angehen, die Sache mit unserer Beziehung?"

Vielleicht keine besonders geschickte Gesprächseröffnung. Aber irgendwo musste man ja schließlich mal ansetzen.

"Wieso? Ist doch alles klar?"

"Na ja, sooo klar ja nun nicht." Anna wusste selbst nicht so recht, wie sie jetzt fortfahren sollte. Aber sie hoffte, dass sich das Gespräch irgendwie entwickeln würde, wenn sie erst mal die Anfangs-Holpersteine genommen hätten. In dem Moment hatte Sebastian sich entschieden:

"Nö, ich nehme heute keinen Nachtisch. Wir können gehen."

Gehen??? – Anna stocke schon wieder der Atem. Das konnte doch nicht wahr sein! Dies war ihr Abend! Was sollte sie nur tun?

"Wollen wir nicht noch einen Wein trinken?"

"Nee, mir ist nicht mehr nach Wein. Ich bin schließlich heute früh aufgestanden."

Da war es wieder: dieses Gefühl, irgendwie einfach kaputtzugehen. Vollkommen kaputt. Kaputt vor Hilflosigkeit und Verzweiflung, kaputt vor Enttäuschung.

"Willst du denn etwa jetzt gleich ins Bett? Dann hätten wir doch lieber morgen ausgehen sollen!" Panik schwang in Annas Stimme mit.

"Nein, das habe ich ja nicht gemeint. Ins Bett gehe ich noch nicht. Ich hab nur keine Lust mehr, jetzt hier noch länger rumzusitzen."

Na gut. Dann eben zu Hause.

Als sie zu Hause ankamen, ließ Anna sich Zeit mit dem Ausziehen der Wetterjacke und der Schuhe. Viel Zeit. Sie wagte es nämlich nicht. Sie traute sich nicht, einfach so die Kerzen anzuzünden und einen Wein zu kredenzen. Es war so merkwürdig: Eigentlich war es doch klar, dass sie einen gemeinsamen Abend verbringen wollten. Ja, selbst wenn sie das nicht ausdrücklich verabredet gehabt hätten, war es doch wohl das, was man in so einem Fall normalerweise tat: Man ließ den Abend gemeinsam ausklingen. Man überlegte vielleicht zusammen, wie man ihn noch gestalten wollte, was man noch Schönes zusammen machen konnte ... Oder es ergab sich ganz von selbst ... Ein Mann, der in romantischer Stimmung eine leise Musik auflegte, Gläser auf den Tisch stellte ("Sekt oder Wein, Schatz, was meinst du?"). - Aber sie wusste es mit schmerzlicher Gewissheit: Ihre Fantasien waren meilenweit von denen Sebastians entfernt. Ja, was es eigentlich so deprimierend machte: Er hatte gar keine! Jedenfalls sicher nicht in Bezug auf ihren gemeinsamen Abend. Aber andererseits, naja, sie wusste es nicht wirklich genau. Anna kam sich irgendwie blöd vor. Und deshalb zögerte sie das Ankunftsritual so lange es irgend ging hinaus. Denn dann musste Sebastian ja irgendwann den Fortgang des Abends in die Hand nehmen.

Sie hätte es besser wissen müssen. Diese Taktik funktionierte nie! Irgendwie schaffte Sebastian es immer, noch länger als sie zu brauchen. Nachdem ihm beim Öffnen der Schuhbänder eines gerissen war (Wie, zum Henker, konnte das passieren? Schuhbänder rissen normalerweise beim Zubinden!), er eine geraume Zeit damit zugebracht hatte, darüber zu fluchen und an dem Schuh herumzufummeln, begab er sich schnurstracks zur Toilette. Und dort hielt er sich auch noch auf, nachdem sie zwischenzeitlich – jeden Handgriff möglichst langsam verrichtend - einiges in der Küche aufgeräumt hatte. Schließlich setzte Anna sich ins Wohnzimmer und wartete. Irgendwann schichtete sie Holz im Kaminofen auf. Sie versuchte zu ignorieren, dass der Druck in ihrem Inneren schon wieder anstieg. Sie wartete, wartete ... und hatte langsam das Gefühl zu explodieren. Endlich öffnete sich die Badezimmertür. Sebastian ging in sein Zimmer. Anna wartete weiter. Und weiter. Schließlich hielt sie den Druck nicht mehr aus. Sie ging zu ihm ins Zimmer. Sebastian saß am Computer.

"Was machst du da?"

"Ich lese nur Emails."

"Muss das jetzt sein?"

"Na, irgendwann muss ich sie doch schließlich lesen."

Oh, diese Wut, diese Hilflosigkeit!

"Ich dachte, wir trinken noch einen Wein."

"Ich habe dir doch gesagt, dass mir nicht mehr nach Wein zumute ist. Ich mag einfach keinen mehr."

"Du kannst ja auch etwas anderes trinken."

"Tu ich doch. Ich hab' hier Saft."

"Mit mir, meinte ich selbstverständlich!"

"Also, lange aufbleiben wollte ich heute eigentlich nicht mehr. Aber wir können von mir aus gleich noch eine Runde Mau Mau spielen, wenn du möchtest."

Anna wusste irgendwie selbst nicht mehr, was sie jetzt eigentlich fühlte. Sie wusste nur: Das Leben hatte im Moment jeglichen Glanz verloren.

"Nein, lass man. Wenn du müde bist, lass uns man ins Bett gehen."


Als Anna wenig später mit einem Buch im Bett lag (etwas anderes war ihr in ihrer jetzigen Stimmung für den Rest des Abends einfach nicht eingefallen), war das Bett neben ihr leer. Es war auch zwei Stunden später noch leer. "Er ist also zu müde, ja?", ging es Anna müßig durch den Kopf. Und: "Guckt er jetzt eigentlich Fernsehen, oder hängt er wieder vor dem Computer rum?" Aber die Antwort interessierte sie nicht wirklich. Ein Gefühl gänzlicher Leere hatte von ihr Besitz ergriffen.